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Emmy Haesele – Das Zeichnen ist nur der Anfang

Ich habe Emmy Haesele vor fast fünfzig Jahren im Linzer Kulturzentrum Ursulinenhof kennengelernt. Ich stellte dort aus und hatte das Glück, sie zufällig dort zu kennenzulernen. Sie war gerade am Weggehen, als ich in die Galerie kam. Man stellte mich ihr vor. Ich war beeindruckt, denn ich wusste sofort, mit wem ich es zu tun hatte, denn Alfred Kubin und eben auch Emmy Haesele waren mir bekannt. Sie begrüßte mich freundlich und wir unterhielten uns kurz über die üblichen Themen – den Kunstmarkt und die künstlerischen Strömungen.

Ich erinnere mich gut an sie: Sie war etwas größer als ich, schlank, das leicht gebräunte Gesicht ernst, die Augen etwas verschattet.

Sie trug eine weiße Bluse, ein schwarzes Wolljäckchen, einen schwarzen Rock und darüber einen seidig grün-grauen Übergangsmantel.

Im Gespräch erwähnte ich, dass sich in der Bibliothek meiner Großeltern ein schmales Buch befand, eine Sonderausgabe von Edgar Ellen Poes Erzählungen mit Illustrationen von Kubin. Manchmal erinnere ich mich, dass meine Großmutter hin und wieder seufzte: „Ich fühle mich wie in einer Geschichte von Edgar Ellen Poe, illustriert von Kubin“.

Kubin wohnte in Zwickledt ca eine ¾ Stunde von dem Ort entfernt, in dem meine Großeltern wohnten und wo ich aufgewachsen war. Mein Großvater war Rechtsanwalt und ich hatte so manches aufgeschnappt.

Viele Jahre später machte ich einen Bummel durch Salzburgs Galerien. In der Galerie Altenöder fiel mir das Buch über Emmy Haesele auf. Im Gespräch mit Herrn Altenöder erzählte er, wie viele Anregungen, Gedanken und Zeichnungen Emmy Haesele an Alfred Kubin geschickt hatte, der viele ihrer Ideen als Grundlage für seine Arbeit übernahm.

Emmy Haesele war in erster Linie Zeichnerin – Kubin zeichnete auch, verwischte jedoch seine mit weicherem Material gezeichneten Arbeiten, sodass sie einen malerischen, räumlichen Eindruck beim Betrachter hinterließen.

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Emmy Häsele war wie wir alle, aber sie im besonderen Maße, eine „dreieinige“ Frau: Sie war die scharfsichtige Zeichnerin, die einen Blick in die dystopische Welt der Zwischenkriegszeit und des 2. Weltkriegs unbewusst und bewusst aufnahm, durchschaute und fast manisch zu Papier brachte. Ihre zunehmende Bedeutung als Künstlerin zeigt sich auch als visionäre Sicht auf die Zukunft, auf unsere Zeit. Viele ihrer Zeichnungen zeigen die Ängste vor dem Unbekannten, Unberechenbaren, denen sie schreckliche Gesichter mystischer Tiere gab. Sie zeichnete eine Welt, in der Menschen hilflos eingemauert leben. Vielleicht erkannte sie vorausschauend, dass der Fortschritt, die sich rasend schnell entwickelnde Technisierung, die uns das Leben leichter machen sollte, Freiheiten nimmt und wie das Eingesperrtsein in Zwangsjacken und Mauern als zunehmend erdrückend empfunden wird. Nicht umsonst findet ihr Werk gerade jetzt so große Anerkennung. Hier können wir uns wie in einem Spiegel erkennen.

Der eingemauerte Mensch ist ihr Thema: Als Ehefrau eines Arztes mit Kindern und Haushalt, muss sie, wie so viele Frauen, versuchen ein Stück Zeit für sich, ihre persönliche Arbeit frei zu halten, um zu zeichnen – auch für Alfred Kubin zu zeichnen, den sie kennen und lieben gelernt hatte.

Aber auch hier wartete eine Aufgabe. Kubin, der Künstler, der psychotische Mann, nahm und nahm, ohne viel zurückzugeben.

Emmy Haesele hatte ein ereignisreiches, bewegtes Frauenleben – ein Leben als Künstlerin, Ehefrau, Mutter und Geliebte, das sie kraftvoll bewältigt hat.

Der Galerist Altnöder hat sich ihres umfangreichen Werks angenommen, ein wunderschönes Buch gestaltet und so ihr Werk für die Welt sichtbar gemacht.

Eva Meloun